Optatio Onyx - Wünsche des Verderbens


optatio_onyx.jpgAnthologie, herausgegeben von Timo Bader

Edition Geschichtenweber,  Web-Site-Verlag, Dezember2005

Optatio Onyx ist eine Anthologie mit zehn Geschichten. Alle zehn haben einen Protagonisten gemeinsam. Aber dieser Protagonist ist kein Mensch – es ist nicht einmal eine Person im eigentlichen Sinne. Nein, die Hauptfigur ist ein Armreif aus Onyx.    Sicher wird man sich nun fragen: warum ein Armreif als Hauptperson? Und warum gerade ein Onyx?

Herausgeber Timo Bader schreibt dazu im Vorwort, dass der Onyx aufgrund seiner ambivalenten Natur – er hat einen Ruf sowohl als Glücks- wie auch als Unglücksstein – ausgewählt wurde. Der Armreif aus Onyx hat eine besondere Eigenschaft: er erfüllt seinem Träger oder seiner Trägerin alle Wünsche – aber immer anders, als der Wünschende es sich vorgestellt hat, und immer mit Nebenwirkungen. Oft kommen diese Nebenwirkungen erst im Laufe der Zeit zum Vorschein, und manchmal beginnen sie ganz harmlos, bevor sie sich in einen wahren Albtraum verwandeln.

Jede der zehn Geschichten beginnt damit, dass die Hauptperson der Geschichte in den Besitz des besagten Armreifs kommt. Früher oder später finden sie die Fähigkeiten des Armreifs heraus und beginnen, sich etwas zu wünschen, sei es bewusst oder unbewusst. Nicht immer erfüllt der Onyx alle Wünsche sofort, aber früher oder später stellt sich der Wunsch ein. Aber leider, leider gibt es immer ein paar Nebenwirkungen, die von nervig bis geradezu katastrophal reichen. Am Ende der Geschichte trennt sich der Besitzer entnervt vom Armreif – meistens freiwillig, um nicht noch eine Wunscherfüllung zu riskieren.

Nehmen wir als Beispiel Petra, Hauptperson der Geschichte „Der perfekte Mann“ von Claudia Donno. Sie arbeitet als Zahnarzthelferin in einer Praxis in Zürich, will aber hoch hinaus. Irgendwann im Laufe der Geschichte wünscht sie sich, einen „stinkreichen Mann“ kennen zu lernen. Kurze Zeit später läuft sie beim Überqueren einer Straße in ein Auto und wacht im Krankenhaus auf. Der behandelnde Arzt, Dr. Giger – später mehr über den Namen – teilt ihr mit, dass sie aufgrund des Unfalls nie wieder laufen kann. Kaum hat sich Petra von dem Schock erholt, erscheint schon der Unfallfahrer am Krankenbett, um sich zu entschuldigen. Er stellt sich – man ahnt es schon – als Besitzer mehrerer Immobilien heraus. Mit anderen Worten: Petra hat, wie es ihrem Wunsch entsprach, einen „steinreichen Mann“ kennengelernt – nur auf etwas anderem Wege, als sie es sich vorgestellt hat.

Die zehn Hauptfiguren sind sehr unterschiedlich. Außer der oben erwähnten Zahnarzthelferin treffen wir auf einen achtzehnjährigen Schüler und Satanisten, einen zunächst erfolglosen Schriftsteller, einen Maler, eine Archäologin auf der Suche nach ihrer Schwester und viele andere. Alle sind gut charakterisiert, ihre Motivationen und Wünsche sind für den Leser nachvollziehbar. Keiner der Wünsche wird übrigens auf offenkundig „übernatürliche“ oder „magische“ Weise erfüllt, nein, die Erfüllung geschieht immer so, dass es im Prinzip auch ein „Zufall“ gewesen sein könnte. Im Laufe der Zeit wird es immer spannender; der Leser fragt sich mehrmals, wie der Onyx wohl diesen oder jenen Wunsch erfüllen mag, und sobald er erfüllt wurde, wartet man gespannt auf die auftretenden Nebenwirkungen, denn diese sind nicht immer sofort offensichtlich. Teilweise sind die Geschichten mit einem recht schwarzen Humor ausgestattet. Auch ironische Anspielungen kommen teilweise vor. So dürfte es zum Beispiel kein Zufall sein, dass der oben erwähnte „Dr. Giger“ den gleichen Nachnamen trägt wie der berühmte Schweizer Künstler, der sowohl das Monster aus „Alien“ wie auch den Baphomet Tarot entwarf.

Vom Stil her sind alle Geschichten auf dem gleichen hohen Niveau, was vermutlich nicht alleine an den Autoren und am Herausgeber Timo Bader liegen dürfte, sondern auch am Lektorenteam, bestehend aus Philipp Bobrowski, Mandy Schmidt und Christine R. Förster.

Eine Besonderheit liegt darin, dass zwischen allen Geschichten Übergänge stattfinden, in denen der Armreif aus Onyx weitergegeben wird. In einem Fall treffen sich die Hauptfiguren der einen sowie der nachfolgenden Geschichte direkt – und die Begegnung wird in beiden Geschichten geschildert, aus der Perspektive der jeweiligen Hauptfigur. Diesen Übergang halte ich für besonders gut gelungen. Ein besonderer Übergang findet sich am Ende des Buches: Hier landet der Armreif auf einem Kieslaster. In der ersten Geschichte dagegen, verfasst vom Herausgeber Timo Bader selbst, findet die Hauptperson den Armreif, als er gerade von einem Kieslaster fällt. Auf diese Weise bilden die zehn Geschichten einen Kreis.

Last, not least möchte ich auch das Cover lobend erwähnen, gestaltet von Mario Moritz. Es passt perfekt zum Inhalt.

Optatio Onyx, herausgegeben von Timo Bader, ist ein hervorragendes Werk mit zehn ausgezeichneten Kurzgeschichten bzw. Novellen, die zusammengenommen eine einzige Geschichte erzählen. Jeder, der fantastische, schwarzhumorige Geschichten in einem realistischen Umfeld mag, sollte einen Blick in „Optatio Onyx“ werfen.

Website der Edition Geschichtenweber: http://www.geschichtenweber.de/

Optatio Onyx on Tour: Derzeit befinden sich die Autoren auf einer Lesereise, in der an verschiedenen Stationen –meistens nahe dem Wohnort der Autoren- das Buch vorgestellt wird. Mehr Infos unter www.geschichtenweber.de/html/ootour.htm