Peter Matzke und Tobias Seeliger (Hrsg.) - Gothic II


Peter Matzke und Tobias Seeliger (Hrsg.) - Gothic IIVor zwei Jahren erschien der Essayband "Gothic!", herausgegeben von Peter Matzke und Tobias Seeliger. In ihm fassten einige der bekanntesten Szenekünstler Deutschlands ihre Gedanken zusammen, was "schwarz sein" für sie bedeutet und was ihnen wichtig ist. Dabei kamen auch Meinungen zum Vorschein, die sich diametral widersprachen. Doch die Herausgeber ließen diese Widersprüche bewusst stehen und erklärten im Vorwort, dass das Buch bewusst keine verbindlichen Antworten gibt, sondern vielmehr Fragen stellt.
Beim Fortsetzungsband "Gothic II" sind Tobias Seeliger und Peter Matzke zum Glück diesem Prinzip treu geblieben. Aber der Blick wurde diesmal bewusst erweitert auf die internationale Szene. So kommen diesmal jede Menge Vertreter der internationalen Szene zu Wort, von Finnland (Jyrki 69, The 69 Eyes) über die Niederlande (Ronny Moorings, Clan of Xymox) und die USA (Monica Richards, Faith and the Muse) bis hin zu Brasilien und Japan (K. M. Gotoh, Elegia).

"Gothic II" ist in drei Teile eingeteilt. In Teil 1 "Music & Musicians" geht es genau darum - um die Musik, die ja das Hauptthema von "Gothic!" war. Teil II "Arts & Poetry" geht dagegen in einigen Punkten über das Vorgängerwerk "Gothic!" hinaus. So finden wir hier etwa von Monica Richards nicht nur Gedichte, sondern auch Zeichnungen. Ein weiterer grafischer Sonderteil stammt von Martin Sprissler (Kains Kinder), ein dritter von Felix Flaucher (18 Summers). Am Ende kommt als einer der optischen Höhepunkte des Buches ein Foto-Sonderteil von Mitherausgeber Tobias Seeliger. Inhaltlich am meisten angesprochen haben mich dagegen Ecki Stiegs satirische Betrachtungen. Eine behandelt die verschiedenen Typen von Discobesuchern, "liebevoll" betitelt mit z.B. "die Verinnerlichte", "der Besserwisser", "das Electro-Weib" oder "der heimwerkelnde Pseudospezialist". Zu jedem Typus sind auch das bevorzugte Getränk, die Lieblings-Musikwünsche sowie das bevorzugte Sexualobjekt (!) angegeben. Ecki Stiegs zweiter Artikel behandelt verschiedene Arten von "Backstage-Zecken". Bei beiden Artikeln musste ich mehrmals schallend loslachen, so gut hat Ecki Stiegs Satire teilweise die Wirklichkeit getroffen.

Der dritte Teil von "Gothic II", überschrieben mit "Thoughts & Philosophy", geht in die Tiefe der Szene. Hier finden wir einen der Höhepunkte des gesamten Buches, ein konstruiertes Streitgespräch zwischen Herausgeber Peter Matzke und Bruno Kramm (Das Ich). In diesem Gespräch (basierend auf einem realen Gespräch, das die beiden im Mai 2002 in der Moritzbastei führten), geht es um Spiritualität, Gott, Metaphysik, Philosophie und auch Quantenphysik, und das durchaus in die Tiefe gehend! Ein weiterer Artikel von Benjamin Richter (Thanateros) behandelt das Thema Schamanismus. In einem weiteren legt Philip Boa seine Erfahrungen in der Musikszene dar und befasst sich kritisch mit dem Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz. Dabei bringt er in "boatypischer" Manier seine Meinung kompromisslos zum Ausdruck, wobei die Musikindustrie (sowohl die Majors als auch die Indies!) nicht sehr gut wegkommen. Ein anderes Problem behandelt der Neofolk-Musiker Andreas Ritter (Forseti), der wegen seiner Vorliebe für Texte der deutschen Romantik und wegen des heidnischen Bandnamens zu Unrecht als rechtsradikal abgestempelt wurde. Der letzte Artikel "Si vis vitam, para mortem" von Peter Matzke behandelt das Thema Tod und Freitod aus kulturkritischer Perspektive.

Last not least möchte ich aber noch auf die optische Gestaltung zu sprechen kommen. Hier hat Tobias Seeliger erneut ganze Arbeit geleistet. Neben dem oben bereits erwähnten Foto-Sonderteil mit farbigen Bildern stammen auch jede Menge Schwarzweißfotografien, die zwischen die Texte eingestreut sind, von ihm. In vielen Fällen passen sie perfekt zum Text.

Fazit: Mit "Gothic II" haben Peter Matzke und Tobias Seeliger erneut Maßstäbe gesetzt, sowohl was den Inhalt als auch was die optische Gestaltung betrifft. Das Buch ist umfassender, tiefschürfender und optisch besser gelungen als der Vorgängerband "Gothic!". Zur Ehrenrettung des ersten Werkes möchte ich aber darauf hinweisen, dass "Gothic!" zweifellos "Gothic II" den Weg bereitet hat; ohne seinen Vorgänger hätte das Buch niemals in dieser Form erscheinen können. Zumindest Ecki Stiegs Satiren sowie der gesamte Teil III wären in dieser Form undenkbar gewesen. Am meisten aber freut mich, dass die beiden Herausgeber dem Motto des ersten Bandes (Meinungen auch dann stehen lassen, wenn sie sich gegenseitig widersprechen) treu geblieben sind. Dies macht Hoffnung auf ein "Gothic III", denn auch mit "Gothic II" ist die Szene noch lange nicht erschöpfend behandelt.

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